Zweiter Weltkrieg und Flucht

Am 1. September 1939 hatte der zweite Weltkrieg in Europa mit dem deutschen Überfall auf Polen begonnen. Am 22. Juni 1941 begann der Angriff gegen die Sowjetunion. Im Dezember kam die "Operation Barbarossa" vor Moskau zum Stillstand, dann setzte die russische Gegenoffensive ein und ließ Hitlers Absicht scheitern, "die Sowjetunion in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen". Bis zum Januar 1942 verlor die Wehrmacht ein Drittel ihrer Truppen: Eine Million Soldaten waren gefallen, vermisst oder verwundet. Insgesamt sollte dieser Krieg, an dem letztlich über 60 Staaten beteiligt waren, über 60 Millionen Menschenleben vernichten.

In Gumbinnen fielen im Juni 1941 die ersten sowjetischen Bomben und töten neun Menschen. Vom Amselsteig aus konnte Ehrentraud auf die Chaussee blicken, die nach Polen und Russland führte. In der ersten Zeit wurden Verwundete von dort noch in Fahrzeugen transportiert, als diese dann an der Front gebraucht oder zerstört wurden, brachte man die Verletzten festgebunden auf den Autos. Im Sommer 1943 kamen über 10.000 Luftkriegsflüchtlinge aus Berlin im Kreis an.

August 1944: Die Familie verlässt Ostpreußen

Dann begannen die Nachtangriffe. Bevor sowjetische Tiefflieger Gumbinnen mit Bomben und Bordwaffenbeschuss belegten und die ersten Evakuierungen der 24.000 Einwohner erfolgten, verließ Bertha am 4. August 1944 mit den Mädchen die Stadt. Sie wies die Kinder an, so viel Kleidung wie möglich am Leib zu tragen und versteckte darunter die wichtigsten Dokumente in kleinen Beuteln. Ihr Ziel war der Kreis Glogau, dort hatte ihre Cousine Hertha den Offizier Otto Heppner geheiratet.

Bertha hatte bereits lange den Sold von Franz gespart, um die Heimat selbstbestimmt sowie rechtzeitig und unabhängig von organisierten Evakuierungen und Flüchtlingstransporten verlassen zu können. So konnte sie mit den Kindern auf eigene Kosten im Zug nach Schlesien fahren und die kleine Familie in Sicherheit bringen. Bei der Bahn behauptete sie, es gäbe einen Krankheitsfall in der Familie und durch ihre guten Beziehungen erhielt sie die begehrten Fahrkarten.

Die Eltern von Otto hatten einen Bauernhof, auf dem sie eine vollständige Wohnung für sich nutzen durften. Zum Dank arbeiteten Bertha und die Kinder mit auf dem Hof. Bertha kochte und reinigte die Haushalte, die Kinder nahmen an der Ernte teil. So konnten sie das Personal ersetzen, das vom Hof an die Front abgezogen worden war. Auf dem schlesischen Bauernhof saß nun eine "Großfamilie" am Tisch.

Doch Bertha blieb unruhig. Sie erwartete – wie viele andere – den Gegenangriff der sowjetischen Armee. Ende des Jahres verließ sie Schlesien und flüchtete mit den beiden Mädchen im Zug weiter nach Dresden. Gerade rechtzeitig: Die rote Armee begann ihre Offensive an der Weichsel am 12. Januar 1945, marschierte auf Königsberg, Frankfurt an der Oder und Breslau zu. Die Front war nur noch 100 km vom Bauernhof entfernt und in den nächsten Wochen kam die Armeespitze an die Oder.

Januar 1945: Bombenangriffe in Dresden

In Dresden wurde die Familie zunächst in einem Museum untergebracht, danach in einem privaten Haushalt und erhielt dann bei einem Bauern eine größere Wohnung. Sie halfen wieder auf dem Feld mit.

Bereits im Herbst 1944 hatten die Royal Air Force (RAF) und die United States Army Air Forces (USAAF) einzelne Luftangriffe auf den Großraum der Stadt Dresden geflogen. Am 16. Januar 1945 bombardierte die USAAF Dresden mit 133 Flugzeugen. Dabei wurden 280 Tonnen Spreng- und 42 Tonnen Brandbomben abgeworfen. 334 Menschen wurden getötet. Am schlimmsten waren die vier Angriffswellen zwischen dem 13. und dem 15. Februar 1945. Sie zerstörten große Teile der Innenstadt sowie zahlreiche industrielle und infrastrukturelle Anlagen. Über 20.000 Menschen verloren ihr Leben.

Dazu wurden zahlreiche Bewohner und Flüchtlinge verwundet oder verschüttet, auch Bertha und ihre Kinder waren davon betroffen. Die elfjährige Christel musste nach einem der Angriffe aus den Trümmern befreit werden, ein bleibendes traumatisches Erlebnis.

Auch auf dem Land kamen die Kriegshandlungen näher, die Fronten rückten auf beiden Seiten aneinander. Am 25. April 1945 begegneten sich US- und Sowjet-Soldaten auf den Elbwiesen in Lorenzkirch bei Strehla. Der "Handschlag von Torgau" zwischen den beiden Kommandierenden, Leutnant Robertson und Leutnant Silwaschko, überwand erstmals die Lücke zwischen den Alliierten. Bis zur deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 blieb nur ein schmaler, unbesetzter Korridor.

August 1945: Flucht durch die Lücke

Bertha hatte Dresden verlassen und war mit den Mädchen zu Fuß bis nach Reckwitz im Kreis Oschatz gewandert. Hier fanden sie in der Siedlung Nr. 13 Unterkunft und meine Mutter erhielt am 14. August 1945 von der örtlichen Polizeibehörde einen neuen Personalausweis ausgestellt. Darin wird sie als "Schülerin, groß und stark, mit vollem Gesicht, blau-grauen Augen und dunkel-blondem Haar" beschrieben. Die Mädchen gingen zur Schule – wie auch bisher, wenn sie sich auf der Flucht länger an einem Ort aufhielten.

Im Juli war Sachsen von der Roten Armee besetzt worden, auch die vorher von US-Streitkräften eroberten Gebiete westlich von Reckwitz, Eilenburg und Grimma. Am 3. Juli wurde das Land Teil der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ). Es kam nun häufiger zu Begegnungen mit russischen Besatzern, die für die junge Bertha mit ihren Töchtern nicht ungefährlich waren.

Durch Sachsen-Anhalt in den Westen

Bertha sprach russisch und diente oftmals als Dolmetscherin. Sie verschaffte sich durch ihr selbstbewusstes Auftreten und lebenskluges Verhalten den nötigen Respekt, um sich und ihre Töchter vor den Übergriffen von Russen und Deutschen zu schützen, auch wenn es etliche sehr brenzlige Situationen gab. Jedoch misstraute sie beiden und brach eines Nachts wieder mit den Kindern auf, um weiter in den Westen zu gelangen. Tagsüber versteckten sie sich unter Getreidegarben auf den Feldern, nachts wanderten sie zu Fuß, bis sie die Grenze zu Sachsen-Anhalt überschritten und im 200 km entfernten Gardelegen ankamen. Auch hier waren die Amerikaner bereits abgezogen und sie befanden sich noch immer in der SBZ.

Nach einer kurzen Pause, in der sie sich im Oktober und November 1945 noch beim Staatlichen Gesundheitsamt prophylaktisch gegen Typhus impfen ließen, flohen sie in einem Nachtzug teils unter den Sitzbänken versteckt weiter Richtung Westen. Am 16. Februar 1946 wurden sie in Helmstedt ärztlich untersucht und in die britische Besatzungszone eingelassen. Sie waren im Westen angekommen und fuhren den Rest ihres Weges in der Bahn – nach Bielefeld. Bertha hatte sich und die Mädchen durch alle Widrigkeiten des Krieges und des Weges in eineinhalb Jahren über 1.300 km weit in Sicherheit gebracht.

Sie ist meine größte Heldin. Danke, Oma!

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