In Gumbinnen und Insterburg zwischen den Weltkriegen

Meine Mutter, *17. Februar 1929

Am 17. Februar 1929 wurde ihre erste Tochter geboren, meine Mutter. Kurze Zeit später zog die Familie in das etwa 30 km entfernte Gumbinnen. Die Stadtgemeinde hatte etwa 20.000 Einwohner, halb so viel wie Insterburg, und war Sitz der Verwaltung des gleichnamigen Kreises, der etwa 160 Gemeinden und Gutsbezirke umfasste. Zudem residierte hier der Präsident des Regierungsbezirkes Gumbinnen, zu dem die Stadtkreise Insterburg und Tilsit, der Landkreis Insterburg und die Kreise Angerburg, Pillkallen, Gumbinnen, Goldap, Oletzko, Niederung, Darkehmen, Stallupönen und Tilsit-Ragnit gehörten.

Die Gemeinde war an die Preußische Ostbahn angebunden, die von Berlin über Insterburg bis an die russische Grenze führte, parallel zur Reichsstraße 1. Das Flüsschen Pissa teilte die Stadt, war aber nicht schiffbar. Der Name ist prußisch und bedeutet "grundloser Morast, wo nur kleine Birken und Fichten wachsen". Angeblich baten die Gumbinner Mitte des 19. Jahrhunderts Friedrich Wilhelm IV. um eine Namensänderung. Der antwortete: "Genehmigt; ich schlage vor: Urinoko".

In der Verwaltungsstadt befanden sich auch ein Amtsgericht, die Oberpostdirektion und ein Gymnasium mit Realschule. Seit dem ersten Weltkrieg versorgte das ansässige Ostpreußenwerk (Elektrizitätswerk) ganz Ostpreußen mit Strom, weitere Arbeitgeber waren eine Eisengießerei, eine Maschinenfabrik mit Dampfhammer, eine Möbelfabrik, eine Weberei, zwei Dampfsägemühlen, mehrere Ziegeleien und eine Molkerei.

Die Salzburger Exulanten

Seit 200 Jahren hatte sich Gumbinnen zu einem Zentrum der "Salzburger Exulanten" entwickelt, der Flüchtlinge, die Salzburg wegen ihres protestantischen Glaubens verlassen mussten und in Preußen aufgenommen worden waren, die meisten im Raum Gumbinnen. Im Juni 1932 erlebte meine Mutter mit Eltern und Großeltern die große 200 Jahr-Feier der Salzburger. Mehrere tausend Gäste, darunter Vertreter der Kirchen, Reichs-, Staats- und städtischen Ämter, wurden untergebracht, verpflegt und nahmen an zahlreichen festlichen Veranstaltungen, feierlichen Gottesdiensten und dem großen Festumzug teil.

In der Preußisch-Litauischen Zeitung, deren Verbreitungsgebiet sich mit der Ansiedlungszone der Salzburger deckte, stand am Dienstag, den 21. Juni 1932:

Von dieser "Salzburger Art" war auch mein Großvater Franz. Er hatte es wohl von seiner Mutter Juliana geerbt und anerzogen bekommen, deren Familie aus Salzburg stammte. Auch meine Großmutter Bertha war harte und sparsame Lebensführung gewohnt. Nachdem ihr Vater an Diphterie gestorben war, als er im Winter einem Fabrikanten bei der Fertigstellung einer Mühle half, unterstützte sie ihre Geschwister und ihre Mutter, die nur eine kleine Rente erhielt.

Seit sie in Gumbinnen wohnte, holte sie im Winter ihre Mutter und Geschwister in ihre Wohnung, sobald die "Russenkälte" das elterliche Haus erreichte. Dort brachte sie ihnen auch das Hauswirtschaften und Nähen bei, das sie selbst gerade erlernt hatte: "Ich zeigs euch zweimal, passt auf! Aber kommt nicht nochmal zu mir. Ich will euch helfen, aber nicht für euch mehr nähen." Die klare Ansage hatte ihren Grund in ihren eigenen Pflichten: Meine Mutter war zu versorgen und am 4. November 1933 erblickte ihr zweites Kind das Licht der Welt, Christel Irmgard.

Bei den Großeltern Friedrich und Juliane in Insterburg

Meine Mutter fühlte sich degradiert durch den Neuankömmling in der Familie und die Aufmerksamkeit, die ihre Schwester auf sich zog. Das änderte sich, als ihre Mutter an einer Rippenfell- und Lungenentzündung erkrankte, ins Krankenhaus musste und sie mit ihrer Schwester zu den Großeltern nach Insterburg kam: "Ich war gerne bei ihnen, weil ich das Gefühl hatte, ich werde bevorzugt gegenüber Christel. Und da habe ich gedacht, wenn sie noch so jung ist, da waren ja vier Jahre Unterschied, spürt sie das schon auch, weil sie ja Muttis Kind war."

Gleich nach ihrer Ankunft wurde meine Mutter in Insterburg eingeschult, bekam in der großelterlichen Wohnung ihr eigenes Zimmer und fühlte sich dort schnell zuhause. Beide Großeltern beschäftigten sich intensiv mit ihr. Friedrich war größer als ihre Eltern, schlank, hatte bereits graue Haare und trug immer Anzüge. Mit seinen Enkelinnen ging er sehr liebevoll um und mit meiner Mutter bastelte er auch gerne. Mithilfe der großen Standuhr lernte sie die viertel, halben und vollen Stunden kennen und die Minuten zu zählen, bei der Zugehfrau Madame de la Croix die ersten französischen Worte.

Juliana brachte ihr mit der Zeit handwerkliche Fertigkeiten wie spinnen und weben, stricken und sticken bei. Ebenso wie ihre eigenen wurden auch die Kleider meiner Mutter von der Schneiderin genäht. Das Mädchen war stolz darauf und bewunderte sich selbst in den großen Spiegelflächen der Wohnung. Dieses von den Großeltern gelebte, gefestigte, gesicherte und wohlständige wie gesellschaftlich anerkannte Leben prägte das Selbstbild der Enkelin; sie wird ihr Leben lang für sich, ihren Mann und ihren Sohn nach einem vergleichbaren Status streben.

Juliana achtete zudem auf einen bestimmten Benimm: Als ihre Enkelin einmal ohne Verabschiedung zur Schule laufen wollte, intervenierte sie: "Was hast du vergessen? Sag mal dein Gedicht!" und die Kleine rezitierte: "Geh ohne Stab nicht in den Schnee, geh ohne Ruder nicht zur See. Geh ohne Gebet und Gotteswort nie aus dem Elternhause fort." Anschließend hatte sie ihre Großmutter zu küssen und zu verabschieden, bevor sie die Klinke in die Hand nehmen durfte.

In dem protestantischen Haushalt wurde morgens, mittags und abends bei Tisch gebetet und gedankt. Am Sonntag gingen alle zur Kirche und meine Mutter genoss es, in der Mitte zwischen ihren Großeltern zu laufen. Christel dagegen entwickelte kein inneres Verhältnis zu ihren Großeltern. War ihre Schwester in der Schule, vermisste sie ihre Mutter sehr, stand auf der Couch am Fenster und ihre Tränen rollten die Scheiben herunter. Sie litt sehr unter der Trennung.

Für meine Mutter bedeutete die Couch in der Quandelstraße etwas ganz anderes: Durch das Fenster verfolgte sie die neuen Entwicklungen in Insterburg wie den Bau des einen Kilometer entfernten Flugplatzes und zahlreicher Kasernen im Rahmen des Wiederaufbaus der Wehrmacht. Sie sah die Maschinen starten und fliegen, winkte den Fliegern zu und war glücklich, wenn man sie beachtete: "Einer hat mich Sterntaler gerufen." Doch alles hat sein Ende. Als ihre Mutter Bertha aus dem Krankenhaus entlassen wurde, verlangte sie nach ihren Mädchen: "Ich brauche meine Kinder zum Gesundwerden."

Zurück in Gumbinnen

Franz holte seine Töchter nach Gumbinnen. In den ersten sechs Wochen versorgte eine Pflegerin die Familie, eine ältere Frau, die kochte und den Haushalt machte. Dann begann der Alltag in Gumbinnen. Meine Mutter bekam ihre Sachen weiter genäht, diesmal von ihrer Mutter, ging weiter zur Schule: "Ich war die Klassenbeste", besuchte die Großeltern in Insterburg, sobald sie 3,50 DM für die halbe Stunde Bahnfahrt zusammen gespart hatte, traf sich dort mit ihren Freunden, schwamm im Sommer in der Inster oder lief im Winter darauf mit Schlittschuhen. Weihnachten waren sie immer alle vier bei den Großeltern.

Franz war begehrt in seinem Beruf und bekam ein Angebot von einer großen Bauunternehmung in Königsberg. Er hatte gerade eine schwere Grippe, als Heiligabend ein Vertreter der Firma mit ihm die Verträge schließen wollte. Meine Mutter setzte sich mit ihnen an den Tisch und schrieb die Vereinbarungen auf, die anschließend im Büro von Franz sauber abgetippt wurden.

In den Sommerferien nahm Bertha ihre Kinder mit zu ihrer Mutter nach Merunen, die noch mit ihrem jüngsten Bruder einen gemeinsamen Haushalt führte. Auch da gab es ein großes Haus, einen See und meine Mutter streifte durch die angrenzende Natur. Oft lief sie bis zur zwei Kilometer entfernten Grenze, um Wachleute zu beobachteten. Die lockten das Mädchen, wenn sie es entdeckten, aber meine Mutter war gewarnt: "Wenn du rübergehst, behalten sie dich da!"

Noch war es friedlich an dieser Grenze. Doch die Familie nahm bereits die Vorboten der kommenden Zeit wahr. Im Januar 1933 wurde Adolf Hitler vom Reichspräsidenten Hindenburg zum Kanzler des Deutschen Reiches ernannt, im Dezember der Ausbau des Heeres von den im Versailler Vertrag festgelegten 100.000 auf eine Truppenstärke von 300.000 Mann beschlossen und im März 1935 mit dem Gesetz über den Aufbau der Wehrmacht die Wehrpflicht wieder eingeführt.

Kriegswehen

Bis März 1938 sollte ein Friedensheer mit 21 Divisionen aufgebaut werden. Eine davon war die 1. Infanterie-Division, ein militärischer Großverband, der im Oktober 1934 unter dem Decknamen "Artillerieführer I" in Königsberg gebildet wurde. Zur 1. Infanterie-Division gehörte das Infanterie-Regiment Gumbinnen. Davon wurden in Gumbinnen selbst der Regimentsstab, das I. und III. Bataillon sowie ein Ausbildungs-Bataillon aufgestellt und dem "Artillerieführer I" unterstellt. Nach der Enttarnung der Verbände erhielt das Regiment im Oktober 1935 die Bezeichnung "Infanterie-Regiment 22" und wurde im Jahr darauf um ein Ergänzungs-Bataillon erweitert. [Quelle: ⤃ Lexikon der Wehrmacht].

Mit dem Versailler Vertrag wurde dem Reichsheer ein Bestand von 2.000 Maschinengewehren (MG) zugestanden, doch verfügte es bereits 1927 über rund 12.000 MGs. Jedes Bataillon hatte in der vierten Kompanie zwölf schwere MG (SMG) 08 und ab 1935 gab es in Maschinengewehr-Bataillonen ausschließlich motorisierte Maschinengewehr-Kompanien (MGK) mit je 16 schweren MGs.

Franz hatte bisher das Glück gehabt, dass er zurückgestellt wurde, doch am 17. August 1939 wurde er um Mitternacht zur zwölften schweren Maschinengewehr-Kompanie (SMGK) im Infanterie-Regiment 22 in Gumbinnen mit dem Wahlspruch "Tapfer und treu" eingezogen.

Bertha wohnte mit den Mädchen weiterhin in der Bussasstraße 8, war für halbe Tage in einem Hotel kriegsverpflichtet und brachte von dort Essen mit, plante und organisierte jedoch den Bau eines eigenen Hauses auf dem Grundstück Amselsteig 42 in einem Neubaugebiet hinter der Artillerie-Kaserne. [Quelle: ⤃ adressbuecher.genealogy.net]

Christel kam in die Schule und meine Mutter musste sie für das Pflichtjahr verlassen. Alle Frauen unter 25 Jahren wurden ab 1938 verpflichtet, ein Jahr in der Land- oder Hauswirtschaft mitzuarbeiten. Meine Mutter fühlte sich in dem fremden Haushalt in Gumbinnen nicht wohl und versuchte ständig, nach Hause zu kommen und zumindest dort zu übernachten. Zuhause, das war nach dem Umzug am 11. September 1939 das neue Haus.

Franz wurde im Juli 1940 in die 4. SMGK des Infanteriersatz-Bataillons 22 in Gumbinnen versetzt, das bei Kriegsverlusten Ersatz für die 1. Infanterie-Division stellte. Wenn möglich, kam er nach Hause. Das wurde schwieriger, als er im Januar 1942 etwa 220 km von Gumbinnen Richtung Danzig nach Preußisch Holland in das 1. Landesschützenbataillon versetzt wurde und danach in Peyse am Frischen Haff stationiert war. Meine Mutter vermisste ihren Vater und hielt ihm bei den Besuchen vor, "alle anderen Väter kämen viel häufiger und länger nach Hause."

Damit war für Franz auch die zivilberufliche Tätigkeit beendet, die ihm aufgrund seiner Qualifikation eine frühe Verlegung an die Front erspart hatte. In seinem letzten Zeugnis bescheinigte ihm die "Wolfer & Goebel Bauunternehmung – Neuzeitlicher Straßenbau" mit Firmensitzen in Esslingen am Neckar, Stuttgart und Königsberg:

Im Juli 1942 wurde sein Bataillon nach Bialystok verlegt und Franz kam als Oberfeldwebel der Infanterie an die polnische Front.

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