Ostpreußen zum Beginn der Moderne

Mit dem Allgemeinen preußischen Landrecht von 1794 wurden die Nachnamen der Einwohner festgelegt und die Kirchen dazu angewiesen, Geburten zu verzeichnen und Register mit Heirats- und Sterbedaten zu führen.

Bis zum vierten Jahrhundert waren im germanischen Raum vorwiegend Rufnamen im Gebrauch, die sich aus zwei Teilen zusammensetzen, zum Beispiel Ger- (Speer) und -hart (streng). Ab dem siebten Jahrhundert gab es auch nichtgermanische wie die der Bibel entnommenen Rufnamen Daniel oder Christian. Im 15. Jahrhundert kamen antike Namen wie Claudius oder Julius auf und einige Hohenzollernfürsten komponierten dazu Doppelnamen wie Albrecht Achilles.

Durch die Zunahme der Bevölkerung wurde die eindeutige Identifizierung einer Person mittels eines einzigen Rufnamens schwieriger. Zur Unterscheidung fügte man Beinamen hinzu, ein persönliches Merkmal wie "der lange …" oder eine Angabe zur Herkunft wie "der Insterburger …" oder eine Bezeichnung des Berufs wie Wilhelm, "der Vermesser". Damit behalf man sich, solange man sich untereinander kannte. Doch schon über eine Generation oder die Grenze eines Dorfes hinweg war keine Eindeutigkeit mehr gegeben. Dies war jedoch für Eintragungen des Landbesitzes oder Steuerzahlungen erforderlich.

18. Jhd.: Die Einführung von Familiennamen

Daher wurden – ab 1200 im Südwesten und danach weiter nördlich, anfangs bei Adligen, dann in Städten und bis Ende des 18. Jahrhunderts auf dem Land – Nach- bzw. Familiennamen eingeführt, die sowohl lebenslang getragen und vererbt als auch amtlich verbindlich wurden. Der Familienname entstand, wenn er über mehrere Generationen innerhalb einer Familie geführt wurde und auch bei Mitgliedern auftrat, auf die eines der ursprünglichen Merkmale nicht mehr zutraf, also Friedrich, der Sohn von Wilhelm, zwar lang und aus Insterburg, doch kein Vermesser, sondern Bahnbeamter war.

Familiennamen waren in Preußisch-Litauen stark durch die baltische Sprachfamilie geprägt. Zwar wurde Prußisch seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr gesprochen, blieb aber in vielen Orts- und Familiennamen und im ostpreußischen Platt erhalten. Vor allem entstammten die Namensbildungen dem Litauischen, trotz der Assimilation an das Deutschtum unter anderem durch die bis 1800 in Ostpreußen forcierte Alphabetisierung – die baltische Herkunft war tief verwurzelt, eine deutsche Identität erst im Entstehen (siehe letzte Spalte).

Die Entwicklung zum Familiennamen "Metschies"

Dabei erfolgten verschiedene Anpassungen, z.B. bezeichnet das Graphem "y" im Litauischen ein langes [i:]. Im Deutschen wird es mit Dehnungs-e geschrieben. Die litauische Flexionsendung -ys ging dann in das Suffix -ies über und aus dem litauischen Familiennamen Kairys, was "Linkshänder" oder "der Linkische" bedeutet, entwickelte sich der deutsche Nachname Kairies.

Dasselbe erfolgte auch bei Familiennamen, denen Beinamen aus beruflichen Bezeichnungen zugrunde lagen. Wilhelm, der Vermesser, könnte einen Berufsnamen getragen haben, der mit Maß oder Skizze zu tun hatte wie das Prußische "metas" (Maß), das Preußisch-Litauische "matuti" (messen) oder das Lettische "mets" (Entwurf), also zum Beispiel Matutis oder Metschies.

Mein Urgroßvater: Friedrich Metschies *4. Mai 1876

Der Familienname meiner Mutter ist Metschies, eine Variante des ostpreußischen Berufsnamens Mett für einen Vermesser oder Baumeister, der – soweit bekannt – zum ersten Mal 1708 erwähnt wurde. Spätestens zu Anfang des 19. Jahrhunderts ist Metschies in der Region belegt. In Wehlau heiratet zum Beispiel der um 1823 geborene Arbeitsmann Wilhelm 1846, dem gleichen Jahr, in dem sein Vater George verstirbt, der zur Zeit der Einführung des Allgemeinen preußischen Landrechts und damit der Festlegung der Familiennamen auf die Welt kam. Und in Insterburg erhält die Familie Metschies am 4. Mai 1876 Nachwuchs: Friedrich, der Großvater meiner Mutter.

Seit Russland im Vertrag von St. Petersburg 1762 Insterburg zurückgegeben hatte, war die Stadt wieder preußisch, hatte bereits 1809 eine Stadtverordnetenversammlung und wurde 1815 im Zuge der neuen preußischen Territorialverwaltung zum Sitz der Verwaltung des Kreises Insterburg im Regierungsbezirk Gumbinnen. Auch wirtschaftlich ging es voran. Um 1830 wurde Insterburg durch eine große Chaussee angebunden, die später, im 1871 neugegründeten Deutschen Reich als Reichsstraße 1 bezeichnet wurde. 1860 wurde die Stadt zum Knotenpunkt der Regionalbahnen und der Eisenbahnstrecken von Berlin und Königsberg nach Kaunas sowie von Thorn nach Tilsit. Dadurch kamen immer mehr Industriebetriebe wie Maschinenfabriken, Eisengießereien und eine Flachsspinnerei in die Stadt und boten neue Arbeitsplätze an. Zudem entstand ein großes Kasernenviertel. Als Friedrich zur Schule ging, hatte Insterburg etwa 20.000 Bewohner.

In seiner Kindheit erlebte er einen dem Zeitalter der Aufklärung folgenden Übergang vom feudalistischen zum bürgerlichen Gesellschaftsmodell, die Epoche der Moderne. Die Menschen strebten nach Akzeptanz für neues Wissen, Bildung, geistigen und sozialen Reformen, persönlicher Handlungsfreiheit und einem Staat, der sich zum Gemeinwohl verpflichtete.

Friedrich nahm an den rasanten Entwicklungen dieser Zeit im aufstrebenden Insterburg auf seine Art teil: Er wurde Beamter der Königlich Preußischen und Großherzoglich Hessischen Staatseisenbahn, arbeitete sich hoch, heiratete die drei Jahre jüngere Beamtentochter Juliana Untereisen aus dem 17 km nordwestlich gelegenen Gründamm, erhielt eine großzügige Dienstwohnung in einem neu gebauten Beamtenviertel und war mit all dem "im Stande", einen wohlhabenden Haushalt zu führen, dem Stand, der zu jener Zeit höchstes Ansehen genoss: Preußens Beamte galten als korrekt, effizient, unbestechlich und verfügten sowohl über ein hohes und sicheres Einkommen als auch über einen erheblichen Einfluss.

Mein Großvater: Friedrich Franz Hermann Metschies *28. Oktober 1902

Das Paar bekam zwei Söhne: Am 28. Oktober 1902 wurde Friedrich Franz Hermann geboren und am 22. Mai 1904 sein Bruder Willy. Insterburg wurde ein eigenständiger Stadtkreis, Wirtschaft, Verwaltung und Militär entwickelten sich weiter. Als der erste Weltkrieg begann, waren 2.000 Soldaten der zweiten Division mit zwei Brigadekommandos und einigen Verbänden der Infanterie, Kavallerie und Feldartillerie stationiert. Infolge eines russischen Vorstoßes kam es im August 1914 zur Schlacht bei Gumbinnen und die Familie erlebte am 24. August 1914 die Besetzung von Insterburg durch die Russen.

Nach der Schlacht bei Tannenberg südlich von Allenstein vom 26. August bis 30. August wurde Insterburg am 11. September 1914 befreit und der 67-jährige Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, seinerzeit der mächtigste Deutsche, richtete dort sein Hauptquartier ein. Zum Kriegsende 1918 entstanden bereits wieder neue Industriebetriebe und nach dem Bau des Pregelseitenkanals wurde 1926 der neue Hafen eingeweiht.

Die Stadt bot weiterhin eine Zukunft. Während Willy wie sein Vater eine Laufbahn als Beamter bei der Bahn einschlug und später mit seiner fünf Jahre jüngeren Frau, Lina Lepkojus aus Lauknen, nur einige Häuser von den Eltern entfernt ebenfalls eine Dienstwohnung bezog, machte Franz eine Ausbildung zum Maschinenbauer.

Nach dem Krieg arbeitete er in der Königlichen Haupt- und Residenzstadt Königsberg für Unternehmen, die auch im Ausland tätig waren. So kam er 1928 auf einer Dienstreise in das 100 km südöstlich von Insterburg am Südufer des Großen Meruner Sees nah an der polnischen Grenze gelegene Merunen (Mierunsken). Bei einem Spaziergang sah er auf einer Wiese eine hoch gewachsene, schlanke Gestalt beim Blumenpflücken und verliebte sich sofort in die junge Frau mit den bis zum Po fallenden dunklen Haaren.

Meine Großmutter: Bertha Kannenberg *03. Januar 1905

Bertha war am 3. Januar 1905 in dem 1.300 Einwohner großen Amtsdorf als Tochter des selbständigen Zimmermeisters Karl Kannenberg und seiner Frau Martha, die am 25. Dezember 1865 in Ribben als Kind des Lehrers Schukat geboren war, zur Welt gekommen und lebte mit ihren Eltern und Geschwistern Otto und Helene im eigenen, großen Haus. Die Eltern kamen aus christlichen Familien und waren selbst sehr fromm. Bei Kannenbergs wurde viel gesungen und gebetet.

Bertha folgte Franz bereits im Jahr ihres Kennenlernens nach Königsburg. Kurze Zeit später waren sie verlobt und Bertha nun häufig bei seinen Eltern zu Gast. Auch dies war ein frommer Haushalt, auch hier erklangen Volks- und Kirchenlieder, wurden Gedichte und Tischgebete aufgesagt, es passte gut zusammen. Die Mutter von Franz, Juliana, kam aus einer Familie, die aus Salzburg stammte. Sie war ebenfalls groß und stattlich und führte ihren Haushalt sehr ordentlich und wirtschaftlich. Bei den Metschies standen schwere, wertvolle Eichenmöbel in der großen Wohnung, sie trugen keine gekauften, sondern von Schneidern gefertigte Sachen und hatten eigenes Personal.

Juliana nähte und strickte auch selbst und legte Wert darauf, dass ihre künftige Schwiegertochter ebenso das Nähen und Hauswirtschaften erlernte. Franz bezuschusste die Ausbildung, noch bevor sie am 30. November 1928 in der evangelisch-lutherischen Melanchthonkirche in Insterburg heirateten.

Im gleichen Jahr erhielt Franz eine Anstellung in der Vereinigten Maschinenfabrik in Gumbinnen, in der Schrotmühlen, Dresch- und Häckselmaschinen sowie Diesel- und Schwerölmotoren hergestellt und repariert wurden. Das Paar zog nach Insterburg.

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