Nadrauen in Frühzeit und Mittelalter

Meine Mutter wurde am 17. Februar 1929 in Insterburg geboren. Der Name der Stadt verweist auf den Fluss Inster (Instrut) und die heidnische Burg Unsatrapis (prußisch unzei: an, auf, über; lit. trapte: Floß), vermutlich an einer hölzernen Brücke gelegen.

Die schmale Inster kommt träge aus ihrem breiten Bett von der Quelle in den Wiesen bei Jägerswalde (Girrelischken) nahe am Willuhner See, schlängelt sich durch eine sumpfige Gegend und vereinigt sich bei der Burg mit der Angerapp (Angrapa), die dem Mauersee in Masuren entsprungen bereits 170 km unterwegs ist, zum Pregel, der 120 km später bei Königsberg (Kaliningrad) in das Frische Haff der Ostsee mündet.

Um 500 v. Chr.: Da wo es fließt

Frühe Bewohner bezeichneten die von dichten Urwäldern und Sümpfen geprägte Landschaft in ihrer Sprache "na-drawa": da wo es fließt, und gaben damit der Region und den dortigen Siedlern ihren Namen: Nadrauen (Nadra) bzw. die Nadrauer.

Die Nadrauer gehörten zu den Prußen, einem baltischen Stamm, der seit dem fünften Jahrhundert vor Christus Geburt an der Ostsee zwischen Memel und Weichsel siedelte. Rund 200.000 Prußen wohnten um 1200 nach Christus weit verstreut in kleinen Dörfern mit reetgedeckten Holzhäusern, etwa vier bis fünf Bewohner pro Quadratkilometer. Sie waren sehr rege und fleißig, groß und gut gewachsen, mit blauen Augen, frischem Gesicht und langen blonden Haaren, züchteten Bienen und Pferde, fingen Bären, handelten mit Fellen, Leder, Fisch, Honig, Bernstein und Sklaven und kauften Edelmetalle, Schmuck, Waffen, Tuche und Salz. [Quelle: ⤃ ostpreussen.net].

Um 1200 n. Chr.: Der Deutsche Orden

Und sie waren sehr wehrhaft. Vom elften bis zum Anfang des zwölften Jahrhunderts verhinderten sie zahlreiche Versuche polnischer Herrscher, ihr Land zu besetzen und sich einen Ostsee-Zugang zu verschaffen. Ihre grenzüberschreitende Gegenwehr veranlasste Herzog Konrad von Masowien 1209, den Deutschen Orden um die Sicherung seiner polnischen Nordgrenze zu den Prußen zu bitten. Dafür sollte der 1199 aus einem Spital Bremer und Lübecker Kaufleute während des Dritten Kreuzzuges im Heiligen Land hervorgegangene Ritterorden Landrechte an den Gebieten erhalten, die er von den Prußen eroberte. Bemäntelt wurde dieses Anliegen als christliche Mission im Heidenland.

Aktiv wurden die Ritter aber erst, nachdem sie 1226 von Kaiser Friedrich II. in der Goldbulle von Rimini mit der "Heidenmission im Prußenland" beauftragt und ihnen territoriale Ansprüche bestätigt wurden: 1230 wurde dem Orden im Vertrag von Kruschwitz das Kulmerland, das südprußische Gebiet an der Weichsel, "auf ewige Zeit" überlassen. Mit diesem Vertrag sah sich der Orden nicht nur zur Grenzsicherung und Eroberung, sondern sogar zur Bildung eines eigenen Herrschaftsgebietes, des Deutschordensstaates, auf dem auch Preußen genannten prußischen Boden legitimiert.

1231 überschritt der erste Landmeister Hermann von Balk mit sieben Rittern und 700 Mann die Weichsel und errichtete im Kulmerland die erste Burg: Thorn. Hier begann der Orden den Kriegszug gegen die Prußen. Da er als "Heidenmission" zugleich deren Christianisierung verfolgte, wurde den Ordenskriegern eine umfassende Vergebung aller Sünden gewährt.

Über 50 Jahre brauchten sie zur Unterwerfung der Prußen und hinterließen an der östlichen Grenze ihres Herrschaftsgebietes in den schon vorher unwegsamen Regionen Nadrauen und Masuren nunmehr eine unbesiedelte Landschaft, die Große Wildnis. Das rund 60.000 qkm große Gebiet bestand aus offenen Flächen, Sümpfen, Flüssen und einem ausgedehnten Urwald mit Waldkiefern, Eichen und Heidekräutern, durch die Wildschweine, Rothirsche, Rehe, europäische Wildpferde, Elche, Auerochsen, Wisente, Wölfe, Braunbären, Nordluchse und auch Vielfraße zogen – aber kaum noch Menschen.

Im 13. Jhd.: Die Eroberung Nadrauens

Nadrauen wurde erst 1276 erobert, viele Einwohner flohen nach Litauen. Die Ritter zerstörten die Burg Unsatrapis und errichteten 1336 die Feste Instierburg. Sie wurde 1376 von den Litauern zerstört, wieder hergestellt, 1457 gebrandschatzt, diesmal von den Polen, und erneut vom Orden aufgebaut. Die Übernahme prußischer Burgen und der Neubau eigener Festungen entsprachen der Ordensstrategie, sichere Räume zur Unterbringung von rund 2.000 Mann sowie deren Versorgung für eine zweijährige Belagerung zu schaffen. In den Vorburgen, den Lischken, siedelten sie Handwerker, Gewerbetreibende und Bauern an und forcierten so die Bildung neuer Städte, die später nur noch von Deutschen bewohnt werden durften.

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